Archiv der Kategorie: Musik

The Fall: The Frenz Experiment

The Fall: The Frenz ExperimentDie unerträgliche Endlosigkeit des Gitarrenriffs: diejenigen, die The Fall von den enthaltenen „Hits“ wie „Victoria“ oder „Hit The North“ kennen, werden von dieser CD mit Sicherheit enttäuscht sein. Marc E. Smith lässt konsequent die alte Sperrigkeit wieder aufleben, die Alben wie „Perverted By Language“ auszeichnete, und nagelt die ohnehin schon wie herrische Tagesbefehle auf den Hörer einstürmenden Songs mit einem Sprechgesang zu, der selten bellender und bissiger war.

Deutlich hörbar und angenehm auffallend ist die Abwesenheit von Produzent John Leckie, der den vorigen Fall-Alben das aufzwang, was er wohl unter dem „typischen Fall-Sound“ verstand; hier hingegen scheint überhaupt nur wenig produziert worden zu sein, vieles wirkt skizzenhaft, wie gerade mal im Wohnzimmer heruntergespielt. Vor allem Bass und Schlagzeug sind es, die mit ihrem wilden Stakkato-Tanz alles andere gegen die Wand drücken: rau und mächtig kommt diese Musik einher, statisch wie in Fels gehauen und gleichzeitig aufwühlend, wobei die Stakkati der Band wie stets als präzise Stichwortgeber für Smiths manische Monologe funktionieren. Die pure Energie. Das vielleicht beste Album der gegen alles und jeden idiosynkratischen Kultband aus Manchester.

The Fall: The Frenz Experiment
CD, 1988, Beggars Banquet / SPV

The Fall: Middle Class Revolt

The Fall: Middle Class RevoltDie Endlosigkeit des Riffs: Bei „Middle Class Revolt“ handelt es sich um das 18. Album von The Fall, und es ist innerhalb des Fall-Œuvres vielleicht das dichteste, kompakteste und überzeugendste Werk. Der zynische Outcast Marc E. Smith (man stelle sich eine Mittelklassenrevolte vor: Ha ha) fühlt sich inmitten seiner fallesken Gitarren hörbar zu Hause, die ihre rekursiven Monotonismen nur durch lustige Pfeif- und Schrillgeräusche auflockern lassen, welche an den bewusst naiven Synthesizer-Einsatz von Bands wie Pere Ubu erinnern.

Insgesamt ist das Werk in einer Art und Weise gut produziert, als hätte man sich viel Mühe gegeben, die Anwesenheit eines Produzenten zu verschleiern (tatsächlich hat die Band gleich drei bemüht). The Fall bestätigen mit „Middle Class Revolt“ explizit ihren absoluten Ausnahme-Status innerhalb des Popgeschehens, „immer anders, immer gleich“, wie John Peel zu sagen pflegte, und immer aufregend und zeitlos gültig.

The Fall: Middle Class Revolt
CD, 1994, Permanent Records / Intercord

Talking Heads: Naked

Talking Heads: NakedIn Paris aufgenommen, präsentiert sich das letzte reguläre Studio-Album der Talking Heads „Naked“ als Konzept-Album mit einer funkig-treibenden und einer ruhigeren Seite. Die Funk-Stücke erreichen zwar trotz oder gerade wegen der Riesenbesetzung von 12-15 Musikern pro Stück nie die Intensität des acht Jahre zuvor entstandenen, wegweisenden Albums „Remain In Light“, ergeben aber einen spannungsgeladenen Background für David Byrnes charakteristischen Gesang.

Wie bei „Remain in Light“ unterscheidet sich die zweite (LP-)Seite konzeptionell erheblich: Die Stücke wirken geschlossener und prägnanter. Ob das abrechnende „The Facts Of Life“ („We are programmed happy little children“) oder die Einwandererballade „Mommy Daddy You And I“, hier gibt es wieder Songstrukturen mit Schwung, Biss und lakonisch-zynischen Texten. B-Seiten-typisch finden sich hier auch düster-elegische Kompositionen, in denen die fröhliche Weltmusik von Seite A majestätisch zu Grabe getragen wird.

Talking Heads: Naked
CD, 1988, EMI

Devo: Total Devo

Devo: Total Devo„15 digital cartoons from the de-evolution band“: Kann so etwas retrospektiv besehen noch zeitgemäß sein? Es kann: auf eine sehr merkwürdige, konsequent alle popmusikalischen Neuerungen der letzten 15 Jahre missverstehende und leugnende Art kann es das. In Kalifornien gehen die Uhren sowieso anders. „Total Devo“ ist genial pompöse, schrill überzogene Aufgeblasenheit: Wir stehen vor dieser Musik ähnlich peinlich fasziniert wie vor einer Frau, die sich zu stark geschminkt hat. Man höre sich nur die vollkommen bescheuerte Cover-Version von Presleys „Don’t Be Cruel“ an, oder das komplett überdreht hysterische „Agitated“.

Devo legen hier einen durch völlige Überproduktion zum Monster mutierten 82er New-Wave vor und wiederholen damit von der Vorgehensweise das, was The Clash 1985 mit „Cut The Crap“ gemacht haben: die eigenen Verdienste durch die Technik-Mangel drehen. Im Gegensatz zu letzteren aber mit bedeutend mehr Humor. So langt es gerade noch zum positiven Resümee, denn natürlich kommt dieses Werk noch nicht einmal in die Nähe der Genialität des von Brian Eno produzierten Erstlings „Are We Not Men? We Are Devo“ (1978), bietet aber einen angemessenen, in diesem Fall reichlich eklektizistisch ausgefallenen, stets aber durchaus ausgeklügelten Klangteppich für Sänger Mark Mothersbaugh, der sich wie stets atemlos hechelnd durch die hier eher schlichten Kompositionen jammert, heult und schreit.

Devo: Total Devo
CD, 1991, Play It Again Sam / SPV

The Young Gods Play Kurt Weill

The Young Gods Play Kurt Weill„Es gibt nur gute Musik oder schlechte Musik“, hat Kurt Weill einmal zu einem Interviewer gesagt. Allerdings war damals das Sampling noch nicht erfunden, jenes technische Verfahren, welches es erlaubt, aus guter Musik schlechte zu machen und aus schlechter gute. The Young Gods aus der Schweiz simulieren sampelnd eine Heavy-Metal-Band, obgleich das eingesetzte Verfahren, satten Gitarren-Breitseiten-Akkorden elektronisch den Nachhall zu cutten, vermutlich jedem Heavy-Metaller das Blut in den Adern gefrieren lassen würde. Aber The Young Gods haben ohnehin andere Zielgruppen (welche eigentlich?) und covern hier unbekümmert Brecht/Weill-Songs, Klassiker wie „Mackie Messer“, „September Song“, „Seeräuber-Jenny“ und natürlich den „Alabama Song“.

Kennen wir, das haben doch auch schon The Doors gemacht, ebenso wie David Bowie, Lou Reed und Bing Crosby, könnte man jetzt maulen. Doch wer erst einmal hört, wie The Young Gods den zähnebewehrten Haifisch in einer atonalen Krachorgie abfeiern oder uns mit dem schrägsten, kaputtesten Orgelsound den Weg zur nächsten Whisky-Bar zeigen, der wird den Epigonenvorwurf schnell zurücknehmen und sich einlassen auf eine durchweg spannende Weill-Interpretation, die als lexikalischer Eintrag für den Begriff Cross-over fungieren könnte. Weill hätte diese mit knapp 33 Minuten leider etwas kurz ausgefallene Auslegung seines Werks mit Sicherheit gefallen.

The Young Gods Play Kurt Weill
CD, 1991, Play It Again Sam / SPV

Wire: The Drill

Wire: The DrillIn der Enzyklopädie der ganz wichtigen Punkbands gebührt Wire ein ganz besonderer Platz. Und tatsächlich war 1976 Punk die einzige Möglichkeit für Colin Newman (Gesang) und Graham Lewis (Bass), Musik zu machen, hatten sie doch so gut wie keine musikalische Erfahrung. Ihr erstes Album „Pink Flag“ von 1977 zählt zu den interessantesten und wegweisendsten Platten der frühen Punk-Ära. Die Kürze der Songs (auf 40 Minuten brachten Wire 21 Stücke unter) verliehen dem Album einen fragmentarischen, experimentellen Charakter. Die Erklärung der Band indes war lakonisch: „When the text ran out, it stopped.“ Wire waren schnell, laut, aggressiv, minimalistisch.

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Jello Biafra & Mojo Nixon: Prairie Home Invasion

Jello Biafra & Mojo Nixon: Prairie Home InvasionDer Ex-Dead-Kennedys-Sänger auf den Spuren von Johnny Cash? Nun, ganz so schlimm ist es nicht, aber die Kooperation von Jello Biafra mit der Country-Legende Mojo Nixon plus zugehöriger Begleitband ist streckenweise schon harter Tobak, so innig fällt die Umarmung mit Lagerfeuer- und Fernfahrer-Soundtrack hier oft aus. Aber für Fans des Genres eröffnet sich ein spannender Ausflug in alle Schattierungen von new, bad, gospel und was nicht sonst noch für Country, wobei der drängende Pathos von Biafras kehligem Gesang, wie wir ihn davor noch aus den Sequenzer-Kakophonien von LARD in Erinnerung haben, sich wunderbar einfügt, manchen Stücken den Drive alter Gun-Club-Balladesken gibt.

Hin und wieder, wie etwa in der Single-Auskopplung „Will The Fetus Be Aborted“ oder in „Plastic Jesus“, schwingt sich der ganze Verein zu jener übermütigen Pogues-Fröhlichkeit auf, die je nach Betrachtungsweise schnell zu ermüden oder zu voreiligem Whisky-Konsum anzuregen weiß. Also nicht gerade die entscheidende Invasion aus Texas, eher Jello Biafras that years favour.

Jello Biafra & Mojo Nixon: Prairie Home Invasion
CD, 1994, Alternative Tentacles / EFA

Bolschewistische Kurkapelle Schwarz-Rot: Werke

Bolschewistische Kurkapelle Schwarz-Rot: WerkeDie Bolschewistische Kurkapelle Schwarz-Rot stellt sich ausführlich vor. Und man muss sie einfach mögen, solch liebevoll aufgemachte CDs, die einen dazu verleiten, eine ganze CD-Kritik nur mit Booklet-Zitaten vollzuknallen; schon gerade, wenn besagte CD einen kompletten fiktiven Briefwechsel ominöser „Machthaber“, geheimnisvoller „Kollegen“ und der „Orchesterführung“ beinhaltet, und umso mehr, wenn allein die Titel für einen kompletten Reviewtext ausreichen würden (etwa „Das Lied vom Berge Kumgang-San“, frei nach Themen nordkoreanischer Revolutionsopern).

Doch wenn man dies alles, die Verwendung Weill’scher Songs (Kurkapelle: „Prima Komponist“, aber sie sagen auch zu Leo Trotzki „Prima Trotzkist“), das ausführliche Personenverzeichnis aller direkt oder indirekt Beteiligten, Namen und Sitz des Labels (D.D.R., Lübeck) und die edle, dunkelblau-güldene Covergestaltung ausreichend gewürdigt hat – und schon das alles wäre Grund genug, die CD zu kaufen –, dann stellt man fest, dass auch die Musik ein aufs Angenehmste durcheinanderwirbelndes Potpourri darstellt, Blasmusik wie von einer zerfahrenen Feuerwehrkapelle, die man sich in einen alten Tati-Film reinzudenken hat. Oder auch sich synkopisch vorwärtstasten mit Sprechgesang, teilweise angefressen von verzerrten Gitarren, und was genialen Dilettanten eben sonst noch so in die Hände fällt. Diese „Werke“ haben dabei etwas sympathisch Unfertiges, Fragiles an sich; ein Eindruck, der live durch die verbindende Moderation und eine mehr kabarettistische Darbietungsweise wieder aufgehoben wird.

Bolschewistische Kurkapelle Schwarz-Rot: Werke
CD, 1994, Plattenmeister - D.D.R.

Sonya Hunter: Geography

Sonya Hunter: Geography„Geography“ von Sonya Hunter lebt von einem Unterton der Traurigkeit, der, sacht und gleitend wie der länger werdende Schatten einer Sonnenuhr, wenn der Tag sich zum Abend neigt, die Stimmung der Songs prägt. Es scheint oft, als ob Frauen Traurigkeit glaubhafter künstlerisch umsetzen können, als Teil ihres Realitätssinns, vielleicht weil sie sich der Wirklichkeit von Geburt und Tod, Werden und Vergehen bewusster sind.

In „Geography“ geht es ums Reisen, um den Zustand des Unterwegsseins. In wie flüchtig skizziert wirkenden Songs vorgetragene Impressionen des Mit- und Nebeneinanders verketten sich zu einem Reigen der Gefühle, in stiller Folk-Manier (fast nur) zur Wandergitarre vorgetragen. Emotives Hunting & Collecting. Schließlich wollen wir ja alle ins Wasser zurück. Uferlos.

Sonya Hunter: Geography
CD, 1993, Normal Records

Heidi Berry

Heidi Berry: Heidi BerryDas vierte Album von Heidi Berry trägt keinen Namen, und was da so im Hintergrund geigt und gitarrt, sind natürlich so notorisch vergrübelte Typen wie Peter Astor von den Weather Prophets oder Jon Brookes von den Charlatans, die wahrscheinlich schon immer so eine Sängerin in ihrer Band haben wollten, die jenseits aller Pop-Diskurse einfach nur ihren folkloristisch-schlichten Pfad verfolgt, ein Schelm, wer Arges dabei denkt, und die zu allem Überdruss auch noch früher gemalt hat und behauptet: „I just did what I did very privatly.“

„Warum bringt sie dann Platten herau…?“ nein, halt, lassen wir diese kleinlichen Einwände beiseite, betrachten wir es einfach als weiteres Teilchen im Puzzle des eigenen Cocoonings, und wenn Berry 16-mal in einem Refrain „It’s only love“ singt, dann stimmt das ja auch irgendwie immer, denke ich, irgendwie, immer. Außerdem hat sie tatsächlich dieses geniale Timbre in der Stimme, welches Kraft aus Traurigkeit zieht, ohne zu trauern, welches Ruhe ausstrahlt, ohne einem schnöden Weltpessimismus zu huldigen, besonders auf der zweiten (LP-)Seite, auf der alles patchworkartig ineinander übergeht, verschmilzt. Das Ganze strahlt eine Verletzbarkeit aus, die mir suggeriert, dieses Album nicht besprechen, sondern beschützen zu müssen. Heidi Berry spielt übrigens Zither. Überrascht das jetzt jemanden?

Heidi Berry: (untitled)
CD, 1993, 4AD / Rough Trade